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Besser jetzt als nie: Digitale Bildung in Europa

Martins Michels zugeschaltet im Kulturausschuss, 21. September 2020 zur Aussprache des Berichts

Digitale Bildung ist nicht nur ein wichtiges, sondern auch ein europäisches Zukunftsthema. Das wurde spätestens mit der Corona-Krise klar. Jetzt hat der Kulturausschuss des Europaparlaments (EP) über die Gestaltung der Politik im Bereich digitale Bildung abgestimmt. Es ist nicht der erste Bericht zur digitalen Bildung, der vom Europäischen Parlament angestoßen wurde. Schon 2018 sprach das Europaparlament die digitale Bildung an.

Jetzt, in Zeiten der Corona-Pandemie, wurden die Schwerpunkte neu gesetzt, um das Bündel an Problemen einer kaum bewältigen digitalen Bildung anzumahnen. Für viele Lehrer*innen, Eltern, Schüler*innen, Student*innen und Beschäftigte in Weiterbildungen dürfte mittlerweile viel einleuchtender geworden sein, wo viele Mitgliedstaaten die Entwicklungen verschlafen haben. Allerdings darf die EU in der Bildung bisher nur politische Impulse setzen, Öffentlichkeit schaffen und Modellprojekte fördern.

Für die Linksfraktion arbeitete Martina Michels an dem neuen Bericht mit. Dieser benennt viele Aspekte, von denen man sich auf der Stelle wünscht, dass die Mitgliedstaaten jetzt handeln und sich von früh bis spät an die Umsetzung machen würden. Auch der Beschäftigungsausschuss des Europaparlaments brachte seine Sichtweise ein, denn es wird in der digitalen Bildung nicht nur endlich nötig, dass Bildungsinstitutionen dauerhaft IT-Fachkräfte, Datenschützer*innen, Lernplattformentwickler*innen in ihrem Bildungsalltag beschäftigen. Auch der digitale „Gender Gap“ wird schon an Schulen verfestigt und schlängelt sich dann bis in die Berufswahl und den beruflichen Alltag. Wenn allerdings kaum Frauen programmieren, Netzwerke betreuen und Mitentwickler*innen einer gerechten Digitalisierung sind, haben wir am Ende weniger diskriminierungsfreie Programme. Diese benachteiligen leider nach wie vor Frauen oder „People of Colour“. Die Tatsachen von Arbeitsamtssoftware bis zur Gesichtserkennung sprechen dabei Bände. Die Linksfraktion machte sich hier für Verbesserungen stark.

Der Bericht wartet mit einem breiteren Bildungsbegriff auf und orientiert sich nicht blind an Bedürfnissen der Wirtschaft oder der typischen Binnenmarktfixierung der EU. Er erfasst infrastrukturelle Fragestellungen und geht dabei soweit, zu fordern,

„dass Breitband als öffentliches Gut betrachtet und seine Infrastruktur angemessen finanziert werden sollte, um sicherzustellen, dass es allgemein zugänglich und erschwinglich ist, um die digitale Kluft zu überwinden.“

Selbst konservative und liberale Kulturpolitiker*innen tragen das mit. Der Bericht kritisiert, dass zehn Prozent aller Haushalte in ländlichen Gebieten europaweit nicht über Breitband verfügen und insgesamt 41 Prozent aller potentiellen Internetnutzer*innen aus sozialen Gründen nicht auf moderne Kommunikations-, Lern und Arbeitsmöglichkeiten zurückgreifen können. Das bringt dauerhaft für viele Menschen Nachteile in der beruflichen und gesellschaftlichen Integration mit sich.  Noch erschütternder ist,

„dass 42 Prozent der Europäer noch nicht einmal über grundlegende digitale Fähigkeiten verfügen, mit erheblichen Unterschieden innerhalb und zwischen den Mitgliedstaaten und basierend auf dem sozioökonomischen Status, dem Alter, dem Geschlecht, dem Einkommen, dem Bildungsniveau und der Beschäftigung“.

Auch zwischen den Generationen machen sich große Unterschied bemerkbar, weil

„nur 35 Prozent der 55- bis 74-Jährigen über grundlegende digitale Fähigkeiten verfügen, verglichen mit 82 Prozent der 16- bis 24-Jährigen, wodurch ältere Menschen anfälliger für digitale Ausgrenzung werden.“

Der Bericht ist alles andere als naiv, wenn es um den Einsatz von Künstlicher Intelligenz und Robotik im Bildungsbereich geht. Der Kulturausschuss verfolgt einen rechtebasierten Ansatz, so dass Datenschutz und geschützte Lern-Umgebungen die Grundprinzipien für die politische Gestaltung digitaler Bildung sein sollen, genau wie die Transparenz und das Wissen um die Produktionsprinzipien der eingesetzten Tools. Medienkompetenz, die längst eine Internetkompetenz sein muss, ist die Grundvoraussetzung, um tatsächliche Gefahren digitaler Kommunikation - nicht nur im privaten Gebrauch - zu erkennen.

Die Pandemie hat wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen auch den eklatanten Nachholbedarf und die sozialen Schieflagen in der (digitalen) Bildung nochmals ins Bewusstsein gerückt. Dramatischerweise mussten viele ganz hautnah ausbaden, was die Politik in den letzten Jahren versäumt hat. Vor allem Eltern waren und sind in der fatalen Lage, Home-Office und Home-Schooling verbinden zu müssen, egal wie daheim das Netz, die Kompetenzen der Lehrer*innen und der Eltern aktuell sind. Deshalb greift der Bericht auch einen Aspekt auf, der gerade in den Mitgliedstaaten bis Juni 2021 in Recht und Gesetz umgesetzt werden muss. Die Bildungsausnahme vom Urheberrecht für digitales und länderübergreifendes Lernen wird gerade ausgestaltet und entscheidet mit über den gleichberechtigten Bildungszugang aller. Home-Schooling als derzeit erlebte Notsituation kommt im dort gesetzlich skizzierten Raum der Bildungseinrichtungen bisher gar nicht vor. Die nationalen Gesetzgeber*innen, die Parlamente sollten die Ausnahme gleich so schaffen, dass nicht Lehrer*innen, Eltern und Lernende mit dieser Aufgabe komplett allein gelassen werden und rein rechtlich auch noch in einer Grauzone agieren, wenn Schullizenzen, Kopien, Arbeitsmaterialien in anderen Lernräumen genutzt werden (müssen).

Der Bericht ist ein lesenswerter Problemaufriss mit vielen Lösungsvorschlägen, die bei der politischen Gestaltung digitaler Bildung in den Mitgliedstaaten beachtet werden sollten. Dafür ist allerding noch einiges zu tun, beginnend mit der medialen Aufmerksamkeit, wenn dieser Bericht im März oder April im Europäischen Parlament abgestimmt wird.

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