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Energiegemeinschaften im Kampf gegen Energiearmut

Bericht vom Online-Round Table am 31.03.2021

Die globale Klimakrise zwingt uns in allen Bereichen zum Umdenken. In Europa sind es vor allem Bürger*innen, die den Wandel im Energiesektor durch gemeinschaftliche Energieprojekte vorantreiben und dabei die Produktion erneuerbarer Energien oder damit verbundener Dienstleistungen selbst in die Hand nehmen. Typischerweise schließen sie sich zu einer Genossenschaft zusammen, die mit Städten, Gemeinden und anderen Akteuren zusammenarbeitet. Sogenannte Energiegemeinschaften (Energy Communities) sind gleichermaßen durch Umweltbelange und Fragen der sozialen Gerechtigkeit motiviert, wie die Moderatorin Molly Walsh (Friends of the Earth Europe) betont. Bürger*innen gründen eine Genossenschaft oder starten ein Energiegemeinschaftsprojekt nicht deshalb, um sich zu bereichern. Das wird auch an den sozial orientierten Umverteilungszielen vieler Projekte deutlich, die Energie oft als Gemeingut betrachten.

Cornelia Ernst (MdEP, Die Linke) äußerte sich besorgt, dass sich die Situation energiearmer Haushalte verschlimmern wird, da vorübergehende Maßnahmen, die von den Mitgliedstaaten zur Linderung der Energiearmut während der Pandemie eingeführt wurden, wie z. B. das Verbot von Stromsperren, nicht weitergeführt werden. Seit vielen Jahren ziehen sich die Regierungen in der EU von ihrer Aufgabe zurück, wesentliche öffentliche Dienstleistungen wie Energie und Wasser bereitzustellen. Sie überlassen es privaten Unternehmen, die mehr daran interessiert sind, Profit zu machen, als den universellen Zugang zu diesen wesentlichen öffentlichen Dienstleistungen zu gewährleisten. Im Gegenzug stellen sich Energiegemeinschaften dieser Herausforderung. Allerdings es ist nicht fair, diese Last Privatleuten aufzubürden. Politische Entscheidungsträger, Regierungen und Gemeinden müssen mehr Verantwortung für die Linderung der Energiearmut übernehmen, zum Beispiel durch die Rekommunalisierung von Dienstleistungen, durch das Verbot von Stromabschaltungen, die Regulierung von Energiepreisen, die Erhöhung von Löhnen (durch höhere Mindestlöhne und durch die Förderung von Tarifverhandlungen) und die Bereitstellung von erschwinglichen energieeffizientem Wohnraum. Ernst forderte die Behörden außerdem auf, Bürgerenergiegenossenschaften zu unterstützen, um Synergien zu schaffen und lokale Gemeinschaften zu befähigen, soziale Probleme anzugehen.

Bob D'Haeseleer stammt aus dem flämischen Eeklo in Belgien. D'Haeseleer erklärte, dass noch vor sieben Generationen Energie organischen Ursprungs war, die durch Tierkraft und menschliche Arbeit nutzbar gemacht wurde und das formte, was er als lokale Energielandschaften beschreibt. Die Verfügbarkeit von fossilen Brennstoffen änderte dies und demokratisierte gewissermaßen den Zugang zu großen Mengen günstiger Energie, die allerdings angesichts des Klimawandels nicht nachhaltig ist. Die Bürger*innen von Eeklo beschlossen, ihr eigenes Modell einer modernen, zukunftsfähigen Energielandschaft auf der Basis von Energiedemokratie neu zu definieren. Ihre Initiative begann, nachdem sich die Bewohner*innen gegen neue Windturbinen gewehrt hatten, die von einem großen Stromkonzern gebaut wurden. Daraufhin führte Eeklo eine Raumplanung ein, um mögliche Standorte für Windturbinen zu bestimmen und traf Vereinbarungen, die es der Stadt und den Bürger*innen ermöglichten, direkt von Windturbinenprojekten zu profitieren. Infolgedessen wuchs die öffentliche Unterstützung. Die Stadt erhält nun 67.000 EUR für jede der 14 installierten Windturbinen, die Anteilseigner*innen der Bürgergenossenschaft erhalten zusammen den gleichen Betrag, und Eeklo produziert inzwischen 130 % des Eigenenergiebedarfs. Pläne für die Zukunft beinhalten ein Mietpacht-Genossenschaftsanteilsmodell, um die Genossenschaft weiter zu demokratisieren, indem einkommensschwachen oder energiearmen Haushalten die Möglichkeit gegeben wird, Mitglied zu werden und jährlich ca. 200 EUR an Energiekosten zu sparen, während die Stadt ihre Einnahmen aus den Windturbinen zur Auszahlung von Sozialprämien verwendet. Gemeinsam schaffen die Bürger von Eeklo ein neues Narrativ rund um die Energiewende, das soziales Empowerment beinhaltet.

Takis Grigoriou (Greenpeace Griechenland) zeigte, wie digitale Lösungen Energiegemeinschaftsprojekte in Großstädten ermöglichen können, in denen der Platz auf den Dächern begrenzt ist. Grigoriou präsentierte die Ergebnisse von zwei erfolgreichen Net-Metering-Pilotprojekten in Griechenland. Für das Projekt in Thessaloniki spendete Green Peace eine 10 KW-Photovoltaikanlage, die auf einem örtlichen Gymnasium installiert wurde. Ziel war es, mit Hilfe von Net Metering eine Unterkunft für Opfer häuslicher Gewalt an einem anderen Standort zu unterstützen. Als Teilnehmer und Nutznießer des Solarenergieprojekts wurde das Heim nicht für die auf dem Schuldach erzeugte Energie bezahlt, sondern der erzeugte Überschuss wurde von den Verbrauchskosten des Heims abgezogen. Das Projekt erzeugte einen Energieüberschuss, der ausreichte, um den eigenen Energiebedarf der Schule zu decken, eine weitere Schule und das Rathaus mit Strom zu versorgen und immer noch genug übrig zu haben, um 12-15 energiearme Haushalte mit Hilfe von Net Metering zu unterstützen. Grigoriou betonte, wie wichtig es ist, die Ursachen der Armut auf der Einkommensseite zu bekämpfen und veranschaulichte das Potenzial von Net Metering für die direkte Bürgerbeteiligung. Folgeprojekte ermöglichen es Mieter*innen in Mehrfamilienhäusern, sich mit Hilfe von Net Metering an erneuerbaren Energieprojekten an verschiedenen Standorten in der Stadt zu beteiligen. Das Ziel ist es, ein Einkommen zu generieren, um die wirtschaftliche Situation einkommensschwacher Haushalte zu verbessern, die auf Eigentum und nicht auf Umverteilung basieren, um ihnen ihre Würde in einem Land wiederzugeben, das immer noch unter den Folgen der Wirtschaftskrise von 2008 leidet. Grigoriou erklärte, dass virtuelles Net Metering im derzeitigen linearen Energiesystem nur schwer umzusetzen ist. Deshalb brauchen wir mehr Flexibilität auf der Nachfrageseite und intelligente Netze, was auch eine Voraussetzung für ein auf erneuerbaren Energien basierendes Energiesystem ist, sodass wir sagen könnten, dass Energiedemokratie und die Energiewende Hand in Hand gehen. Net-Metering kann die Energiedemokratie fördern und die Art und Weise, wie wir Sozialpolitik zur Bekämpfung von Energiearmut gestalten, neu definieren.

Die Lösungen, die Energiegemeinschaften entwickeln, um Energiearmut zu bekämpfen, sind so vielfältig wie die Gemeinschaften selbst. Die politischen Entscheidungsträger in der EU und den Mitgliedsstaaten müssen dies berücksichtigen und genügend Flexibilität in der Gesetzgebung bieten, damit Energiegemeinschaften ihr volles Potenzial ausschöpfen können.

 

Online Round Table Energy Communities Fighting Energy Poverty 31.3.21

Report

The global climate crisis forces us to change the way we do things in the energy sector and citizens are driving this change through community energy projects, where people take ownership of renewable energy production or related services, typically as part of a cooperative that collaborates with municipalities and other stakeholders. Energy communities are equally motivated by environmental concerns and questions of social justice, as the moderator Molly Walsh (Friends of the Earth Europe) points out people do not start a cooperative or launch an energy community project to get rich. This is evident in the redistributive goals of many projects that see energy as a common good.

Cornelia Ernst (MEP, The Left) is concerned that the situation of energy poor households will worsen, as temporary measures introduced by Member States to alleviate energy poverty during the pandemic, such as bans on disconnection will be discontinued. For many years, governments in EU withdraw from their task of providing essential public services such as energy and water, leaving it to private companies, who are more interested in making a profit than in providing universal access to essential these public services, as a result energy communities had to step in. However, it is not fair to place this burden on private citizens. Policy makers, governments and municipalities need to take more responsibility for alleviating energy poverty, for example through re-municipalisation of services, by banning disconnections, regulating energy prices, increasing wages (through higher minimum wages and by promoting collective bargaining) and providing affordable energy efficient homes. Ernst also calls on public authorities to support citizen cooperatives to create synergies and empower local communities to address social issues.

Bob D'Haeseleer comes from the town of Eeklo in the Flanders region of Belgium. D'Haeseleer explains that only seven generations ago all energy was organic energy provided by animal power and human labour shaping what he describes as local energy landscapes. The availability of fossil fuels changed all this, to a large degree democratizing access to large quantities of cheap energy although unsustainable in view of climate change. The citizens of Eeklo decided to define their own model of a modern energy landscape fit for the future based on energy democracy. Their initiative began after residents resisted new wind turbines that were installed by a large power company. In response, Eeklo introduced spatial planning to determine possible sites for wind turbines and made agreements that allowed the city and citizens to benefit directly from wind turbine projects. As a result, public support grew, the city now receives EUR 67.000 for each of the 14 wind turbines installed in its vicinity, citizen cooperative shareholders receive the same amount collectively, and Eeklo produces 130% of its energy demand. Plans for the future include a rent lease cooperative share scheme to further democratise the cooperative by enabling low income or energy poor households to become members and save approximately EUR 200 annually on their energy cost, while the city uses its income from the wind turbines to pay out social premiums. Together the citizens of Eeklo create a new narrative around energy transition that involves social empowerment.

Takis Grigoriou (Greenpeace Greece) demonstrates how digital solutions can enable energy community projects in large cities, where rooftop space is limited. Grigoriou presents the results of two successful net-metering pilot projects in Greece. For the project in Thessaloniki Green Peace donated a 10 KW photovoltaic system, which was installed on a local high school. The goal was to support a shelter for victims of domestic violence in a different location with the help of net metering. As a participant and beneficiary of the solar energy project the shelter was not paid for the energy produced on the roof of the school, instead the surplus that was generated was deducted from the shelter’s consumption cost. The project generated a surplus of energy sufficient to satisfy the school’s own energy demand, also power another school, the city hall, and still have enough extra to support 12-15 energy poor households using net metering. Grigoriou emphasized that the importance of addressing the root causes of poverty on the income side and illustrated the potential of net metering to empower citizens as prosumers.  Follow up projects enable tenants in multi-apartment buildings to participate in renewable energy projects in different locations throughout the city using net metering. The goal is to generate an income to improve the economic situation of low-income households based on ownership rather than philanthropy, to regain their dignity in a country that is still suffering from the consequences of the 2008 economic crisis. Grigoriou explains that virtual net metering is difficult to implement in the current linear energy system, which is why we need more demand side flexibility and smart grids, which is also a prerequisite for the a  renewable based energy system so you could say that energy democracy and the energy transition go hand in hand. Net metering can promote energy democracy, empower citizens and reinvent how we define social policy to eradicate energy poverty.

The solutions energy communities develop to fight energy poverty are as diverse as the communities are. Policy makers in the EU and Member States must consider this and provide enough legislative flexibility for energy communities to reach their full potential and empower local communities.    

 

 

 

 

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