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  • Sabine Wils auf Blog wir-klimaretter.de

Kalkuliertes Chaos

Wenig hat in Kopenhagen bisher reibungslos funktioniert. Die Entscheidung rückt näher: immer weniger Beobachter sind dabei.

Das Chaos begann bereits Wochen vor dem Gipfel. Als Mitglied des Umweltausschusses des Europäischen Parlaments (ENVI) sollte ich die offizielle Delegation des Parlamentes begleiten. Die Kommission akkreditierte alle zusätzlichen MdEP’s und ich bereitete mich auf Kopenhagen vor. Nachdem bereits die offiziellen TeilnehmerInnenlisten im Parlament rumgeschickt wurden, strich die Kommission nach Anmeldeschluss für COP15 gut die Hälfe der Abgeordneten von der Liste. Dies hatte zur Folge, dass ich wie viele andere MdEP’s nicht mehr an der Konferenz teilnehmen durfte, obwohl die MitarbeiterInnen bereits über andere Organisationen akkreditiert waren. So musste auch ich mich auf meinen Mitarbeiter verlassen und konnte nur am alternativen Gipfel teilnehmen.
Doch auch die akkreditierten MitarbeiterInnen des Parlaments schafften es nur selten oder gar nicht in das Tagungsgebäude. Ganz konkret wurde so die Arbeit des Europäischen Parlaments in Kopenhagen stark eingeschränkt und weitestgehend behindert.

Ein Großteil der Vertreter von NGOs wurde ebenfalls ausgeschlossen. Kritische VertreterInnen von Friends of the Earth, von Avaaz (eine globale Internetbewegung) und anderen wurde gezielt der Eintritt verwehrt.

Auf den Demonstrationen in Kopenhagen hat die Polizei vielmals mit überzogener Härte eingegriffen und Grundrechte missachtet. Während des Gipfels durfte die dänische Polizei präventiv, ohne dass auch nur ein Verdacht vorlag, Menschen festnehmen. Diese mussten mehrere Stunden bei Kälte und eisigem Wind auf dem Boden sitzen. Danach wurden viele von ihnen in kleine Käfige gesperrt und später in diesen von der Polizei mit Pfefferspray attackiert. Generell agiert die Polizei sehr aggressiv hier. Mein Mitarbeiter berichtete am Mittwoch von Straßenblockaden, Wasserwerfern, Hubschraubern, unglaublich vielen Polizeihunden und Attacken auf friedliche Menschen vor dem Bella Center. Das dänische Militär stand auch schon bereit.

Ich mache derweilen das Beste aus meinem Aufenthalt in Kopenhagen und nutze die Zeit um mich mit Gleichgesinnten zu treffen. Ich spreche mit KollegInnen aus dem Bundestag und VertreterInnen von NGOs. Zusammen erkunden wir den alternativen Gipfel und genießen die gute Atmosphäre hier. Während im integrierten Schwimmbad unter uns einige Kopenhagener unbeeindruckt ihre Bahnen ziehen, informiere ich mich über den kritisch steigenden Fleischkonsum auf der Welt. Um ein Kilo Rindfleisch herzustellen werden um die 10 Kilo Getreide und 15.000 Liter Wasser benötigt. Ähnlich wie bei dem Ausstoß klimaschädlicher Gase müssen die Industrienationen ihren Fleischkonsum drastisch reduzieren. Die Menschen in den Entwicklungsländern bekommen heute kaum Fleisch auf den Teller, während wir soviel davon essen, dass es ungesund ist. Treffen müssen wir uns irgendwo in der Mitte, möglichst weit unten. Sonst werden 2050 von den dann 9 Milliarden Menschen auf der Erde ein Großteil unterernährt sein oder verhungern.
Bereits gestern sah ich mir auf dem Klimaforum09 den guten Film „The Age of Stupid“ (Das Zeitalter der Dummheit) an. In diesem bewacht ein Überlebender in einer verwüsteten Welt im Jahre 2055 das Archiv der Menschheit und überlegt, wann welche Entscheidungen dazu geführt haben. Anhand von Videoclips aus unserer Zeit zeigt er, wie wir Menschen unsere Erde sehenden Auges aus reinem Profitinteresse an die Wand fahren.

Hierzu trägt auch der deutsche Umweltminister Norbert Röttgen bei, der mit dem Bau neuer Steinkohlekraftwerke das Klima retten will. Röttgen selber sagte gerade auf dem Klimagipfel, dass wenige Stunden ausreichen würden, um ein Ergebnis zu erzielen. Es müsse lediglich der politische Wille da sein. Ich würde sagen, da hat er ganz scharf auch seine eigene Position zum Umweltschutz analysiert und offen gelegt, dass für ihn die Profitinteressen der Industrie über allem stehen. Tatsächlich ist die Klimakonferenz in ihrem Kern leider eine Wirtschaftskonferenz auf der die Industriestaaten ihre eigenen Pfründe verteidigen.

Wie es jetzt gerade aussieht, werden die Staats- und Regierungschefs uns wohl doch noch ein Abkommen präsentieren. Die Frage ist aber, ob dieses Abkommen auch Substanz hat oder von Schlupflöchern durchsiebt ist und nur ein weiterer Fall von Greenwashing ist.

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