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Ruhr.2010 – Kreativität ist da, wo das Ruhrgebiet nicht ist?

Zeche Zollverein in Essen

Das heimliche Motto der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 heißt in bestimmten Kreisen wohl von Anbeginn: „Kultur ist da, wo das Ruhrgebiet nicht ist". Nun hat dieses Motto, ebenda, offenbar eine Variation erhalten: „Kreativität ist da, wo das Ruhrgebiet nicht ist". Dieser Schluss lässt sich jedenfalls aus der Entscheidung der Ruhr.2010 GmbH ziehen, die Hamburger Werbeagentur KNSK zur Leitagentur für das Marketing der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 zu machen.

Dass zu den Kunden von KNSK auch Evonik Industries (auf Deutsch: Ruhrkohle AG; abgekürzt: RAG) gehört, ist sicher kein Zufall. In der globalisierten Wirtschaft gilt eine solche Entscheidung als nichts Ungewöhnliches und auch als nichts Anrüchiges. Dass die Ausschreibung für diesen Auftrag europaweit erfolgte, korrespondiert mit den rechtlichen Vorgaben der EU für öffentliche Auftragsvergaben – und zudem könnte man den Standpunkt vertreten, Aufträge im Rahmen einer Europäischen Kulturhauptstadt müssen auch europaweit ausgeschrieben werden. Immerhin geht es darum, dass Europa sich und seinen Teilregionen näher kommt.

Aber: Die Kulturhauptstadt ist nicht ein simples Wirtschaftsprojekt, sondern ein kultur-politisches Projekt der EU, das durchaus politische Ziele verfolgt. Somit wäre es angemessen, hier nicht die Gepflogenheiten der globalisierten Wirtschaft zum Maßstab zu nehmen, sondern Kriterien, die den politischen Zielen einer Europäischen Kulturhauptstadt entsprechen. Das sind laut Artikel 151 des EG-Vertrages folgende:
Herausstellung der gemeinsamen kulturellen Strömungen in Europa, an denen die Bewerberstadt beteiligt war oder zu denen sie einen wesentlichen Beitrag geleistet hat;
Förderung der kulturellen Veranstaltungen und künstlerischen Darbietungen mit Künstlern aus anderen Städten der Europäischen Union, die zu einer dauerhaften kulturellen Zusammenarbeit führen, sowie Förderung ihrer Mobilität innerhalb der Europäischen Union; Mobilisierung und Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten an dem Projekt; freundliche Aufnahme der Gäste und Bekanntmachung der vorgesehenen Veranstaltungen durch multimediale Mittel in mehreren Sprachen; Förderung des Dialogs zwischen den europäischen Kulturkreisen und anderen Weltkulturen; Herausstellung des historischen Erbes und der Stadtarchitektur sowie der Lebensqualität in der Stadt. (Quelle: http://europa.eu/scadplus/leg/de/lvb/l29005.htm)

In den politischen Sonntagsreden wird die Kulturhauptstadt Ruhr.2010 immer wieder als Meilenstein der Entwicklung des Ruhrgebiets zur Kulturmetropole Ruhr dargestellt. Das Charakteristikum einer Metropole wird dabei als global maßstabsetzend definiert. Dem entsprechend hat der für die Kulturhauptstadt Ruhr.2010 politisch verantwortliche Regionalverband Ruhr (RVR) einen Masterplan Kultur in Auftrag gegeben, der bis März 2009 fertiggestellt sein soll. Der Masterplan Kultur soll das, was bis zum Kulturhauptstadtjahr 2010 zwischen Lippe und Ruhr an Entwicklungsprozessen in Gang gebracht worden ist, aufnehmen und durch die Setzung geeigneter langfristiger politischer Rahmenbedingungen zu seiner vollen Entfaltung bringen. Kultur- und Kreativwirtschaft sollen dabei eine zentrale Rolle spielen. Sie sollen zukünftig einen Teil der im Strukturwandel an der Ruhr verloren gegangenen Arbeitsplätze ersetzen.
Vor dieser ambitionierten Zukunftsperspektive, die durch die Kulturhauptstadt Ruhr.2010 als Meilenstein befördert werden soll, erhält die Entscheidung für die Werbeagentur KNSK aus Hamburg als Leitagentur allerdings einen schrägen Klang.

Die Entscheidung der Ruhr.2010 GmbH für KNSK ist nicht die erste für eine Agentur außerhalb des Reviers. Schon die vorangegangenen Kampagnen zur Vermarktung der Region – „Das Ruhrgebiet – ein starkes Stück Deutschland", „Der Pott kocht" sowie die kürzlich konstruierte Kampagne „TeamworkCapital" (Ruhrn) – sind von auswärtigen Agenturen kreiert worden. Revier-Agenturen haben keine Chancen. Übersetzt heißt das: Das Revier ist für alle Kreativen, die auf Kundschaft aus dem Revier setzen, ein nachhaltiger Standortnachteil! Damit stellt sich dann die Frage, wie man im Revier einen global relevanten Standort der Kreativwirtschaft aufbauen will, wenn schon die hier fest verwurzelten potenziellen Kunden der Überzeugung sind, Kreativität und Kreativ-Wirtschaft könne es nur dort geben, wo das Ruhrgebiet nicht ist.

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