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  • Christian König, Evangelische Sonntags-Zeitung

Ein Linker, der die Bibel kennt

Besuch bei Jürgen Klute, dem Mann der Kirche im Europaparlament

Jürgen Klute wartet in Reihe drei. Da, wo es die Hähnchenbrust mit Gemüse gibt. Für 8,50 Euro. Es ist Mittagszeit, und es ist voll und heiß. Eigentlich müsste er gar nicht hier anstehen. Für die Abgeordneten gibt es im Europaparlament ein eigenes Restaurant. Mit blauem Teppichboden. Mit Speisekarte. Mit Service. Einen Stock tiefer ist dieses Selbstbedienungsrestaurant, das den Besucher mit sechs verschiedenen Mustertellern begrüßt. Motto: So könnte Ihr Mittagessen aussehen. Jürgen Klute nimmt ein Mineralwasser und sagt »Merci bien« an der Kasse. Ohne Französisch geht hier gar nichts.

Er ist der einzige deutsche Pfarrer im Europaparlament

Seit 2009 ist der 56-Jährige Abgeordneter der Linken im europäischen Parlament. Er sitzt in der zehnten Reihe, linker Rand, Sitz 452. Der einzige Geistliche aus Deutschland in Straßburg. Wie bleibt er im europäischen Polit - betrieb mit klarer politischer Kante noch Pfarrer oder gar Seelsorger?

Jürgen Klute lacht. »Ich bin als Pfarrer berufstätig wie jeder andere Arbeitnehmer auch«, sagt er. »Das evangelische Amtsverständnis begründet ja keinen Unterschied zwischen sogenannten Priestern und Laien. Aber meine Herkunft und mein Beruf prägen selbstverständlich auch das, was ich politisch mache.«

Jürgen Klute ist Arbeiterkind aus Bünde in Westfalen. »Große kirchliche Bindungen gab es da nicht. Einmal stand der Ortspfarrer bei uns vor der Tür und sagte: ›Guten Tag, ich bin der Pfarrer.‹ Mein Onkel, der die Tür geöffnet hatte, entgegnete trocken: ›Guten Tag, ich bin der Maurer.‹ So ist das halt im Westfälischen. Und das habe ich mitgenommen«.

Nicht alle in Straßburg verstehen etwas von Politik

Die Welt des Europaparlaments ist eine andere: Auf dem Weg zum Plenarsaal wird Jürgen Klute von einer auffällig gekleideten und kostspielig anmutenden Kollegin überholt, die Hose aus einer Art Krokoleder, die Schuhe hochhackig mit Pfennigabsätzen: Elena Bãsescu, die Tochter des rumänischen Staatspräsidenten, Ex- Model, unter dubiosen Umständen ins Europaparlament eingezogen und, wie böse Zungen behaupten, bar jeglicher politischen Kenntnisse. Zumindest das äußere Erscheinungsbild kann die ihr zugeschriebenen Attribute nur widerwillig dementieren.

Der Plenarsaal ist voll, die Luft klimagekühlt, es gibt kein Fenster nach außen, und die Beleuchtung wirkt, als sei eine einzige gewaltige Neonröhre dafür zuständig. Raumschiff Europa? Wenn die Abgeordneten reden, fällt ihnen der Parlamentspräsident nach spätestens zwei Minuten ins Wort. Jenes wiederum wird simultan, per Kopfhörer, in 23 Amtssprachen übersetzt.

Das gilt sogar für die Zwischenrufe. »Wenn Sie in Deutsch schimpfen, kann ich Ihnen leider nur auf Italienisch antworten«, witzelt der Parlamentspräsident dem Abgeordneten Martin Schulz zu. Der winkt versöhnlich mit beiden Händen zurück.

Jetzt spricht Jürgen Klute zum Thema Rating-Agenturen. Diese beurteilen, obwohl privatwirtschaftlich organisiert, die Kreditwürdigkeit von Staaten. »Die Rating-Agenturen haben im Bezug auf Staatsanleihen eine quasi-offizielle Rolle angenommen, die ihnen nicht zusteht. Man räumt ihnen die Rolle eines Schiedsrichters ein, obwohl sie gleichzeitig Spieler auf den Finanzplätzen sind«, sagt Jürgen Klute. Er weiß, dass er für seine Sicht der Dinge keine Mehrheit im Parlament hat.

Und doch werden die Positionen seiner Partei bisweilen sehr genau von jenen beobachtet, mit denen er gar nicht gerechnet hatte. »Da wollen sich etwa einflussreiche Manager eines Londoner Hedge-Fonds mit mir zum Essen treffen, um die Position der Linken hinsichtlich einer stärkeren Regulierung aufzuweichen. Zu solchen Treffen gehe ich prinzipiell nicht alleine und achte sehr genau darauf, dass ich mein Mittagessen auch selbst bezahle. Aber interessant sind solche Hintergrundtreffen auf jeden Fall.«

Eine Woche im Monat ist Jürgen Klute in Straßburg. Die übrige Zeit pendelt er zwischen Brüssel, dem Sitz der Europäischen Kommission, und Herne, Heimat und Wahlkreis. Gleichwohl beurteilt er die Wirkung seiner Arbeit im Europaparlament kritisch: »Die EU ist nicht demokratisch. Ihrem Parlament fehlt das Recht, Gesetze zu initiieren und über bedeutende politische Fragen mitzuentscheiden. Bürgerinnen und Bürger gehen deswegen zu Recht auf Distanz, und Lobbyisten bekommen, wie gesagt, mehr Einfluss auf die Politik.«

Gute Lobbyarbeit der Orthodoxen und Katholiken

Und wie sieht er, der Theologe, die Rolle der Kirchen in Europa? »Die Lobbyarbeit der Orthodoxen und Katholiken in Europa funktioniert«, sagt Jürgen Klute. »Ich beobachte jedoch, dass insbesondere von orthodoxer Seite, begleitet von einer gefälligen und harmlosen Folklore, theologisch und gesellschaftlich konservative gesellschaftliche Impulse transportiert werden. Ich wünsche mir da ein selbstbewussteres evangelisches Auftreten. Aber in einer Kirche des Wortes ist das natürlich nicht unproblematisch, wenn es öffentlichkeitswirksam sein soll.«

Jürgen Klute wird bei seiner Arbeit von Hanna Penzer (27), seiner Assistentin, unterstützt. Wie ist er als Chef? »Also, es gibt hier Abgeordnete, die lassen sich die Einkäufe oder den Gang zur Reinigung ganz selbstverständlich von ihren Assistenten erledigen. Aber das macht er alles selbst. Und das ›Du‹ ist bei uns in der Fraktion sowieso selbstverständlich«, sagt Hanna Penzer.

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