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"Unsere Herzen schlagen für das Leben"

Vielen Dank, Frau Vorsitzende, liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich freue mich Ihnen heute den Vorschlag meiner Fraktion für den Sakharov-Preis 2011 vorzustellen.

Der Sakharov-Preis soll Menschen ehren und unterstützen, die sich für den Respekt der universellen Menschenrechte einsetzen, und sich in diesem Kampf verdient gemacht haben. Die bisher ausgezeichneten Persönlichkeiten tragen den Preis mit Stolz und Würde. Da der Kampf um Menschenrechte stets zäh, langwierig und aufreibend ist, stellt sich der Preis immer auch in den Dienst der Menschen, die ihn tragen und schützt sie. Wir haben uns in diesem Jahr entschieden, ein anerkanntes Friedensprojekt aus Kolumbien zu nominieren.

Wieso ein Friedensprojekt aus Kolumbien?

Kolumbien ist eines der größten und bevölkerungsreichsten Länder Südamerikas. Kolumbien ist aber auch der Schauplatz einer der großen Tragödien der internationalen Gemeinschaft. Seit sage und schreibe 60 Jahren fordert ein Konflikt, der einem Bürgerkrieg in nichts nachsteht, das Leben unschuldiger Bürger des Landes.

Das internationale humanitäre Recht verlangt von den Teilnehmern eines bewaffneten Konfliktes, die Zivilbevölkerung mit ihrem Hab und Gut zu respektieren, und ihre Operationen ausschließlich gegen militärische Einrichtungen und kämpfende Gruppen zu richten.

Hauptleidtragender des Konflikts in Kolumbien ist dennoch die Zivilbevölkerung, insbesondere Kleinbauern mit ihren Familien, sowie indigene Gemeinschaften. Wir reden in Kolumbien von 38.000 Verschwundenen in drei Jahren – eine Zahl, die noch über der traurigen Bilanz der Militärdiktaturen Argentiens oder Chiles liegt. Wir reden auch von mehr als drei Millionen Binnenflüchtlingen.

Im Namen aller Menschen, die sich diesem Konflikt gewaltlos entgegenstellen, schlagen wir die Friedensgemeinde von San José de Apartadó für den Sakharov-Preis 2011 vor. Es handelt sich um eine Gemeinde, in der sich Kleinbauern, Campesinos, zusammengeschlossen haben, die auf ihrem Recht bestehen, in Frieden zu leben, und auf keine Seite des bewaffneten Konflikts gezogen zu werden. Es handelt sich um Kleinbauern, die das Pech haben, an einem Nadelöhr nach Norden, im Grenzgebiet zu Panama zu leben. Wer Drogen in den Norden und Waffen in den Süden liefert, muss hier vorbei.

Die Bauern in San José de Apartadó sind seit den 80er Jahren verstärkt Gewalttaten ausgesetzt. Sie mussten die Erfahrung machen, dass der Staat ihnen keinen ausreichenden Schutz bietet. Wie andere bäuerliche Gemeinschaften in Kolumbien haben sie sich deshalb entschieden, jeden Kontakt mit den Konfliktparteien des Landes abzulehnen. Als neutrale Friedensgemeinde werden Waffen in der Gemeinschaft strikt abgelehnt. Sie bieten weder Paramilitärs, noch Guerrilla-Gruppen Unterstützung an.

Trotzdem mussten die 1300 Bewohner des Dorfs den Verlust von mehr als 180 Mitmenschen hinnehmen. Das Gedenken um die Toten und der Kampf um Anerkennung ihrer Neutralität ist ein fester Bestandteil der Arbeit der Gemeinde.Einer der Mitglieder hat es so ausgedrückt: "Unsere Herzen schlagen für das Leben, nie für den Tod. Aus diesem Grund, verlangen wir Gerechtigkeit, keine Rache. Wir glauben, dass die Würde eines jeden Menschen wichtiger ist als kriegerische Konflikte und daher hat unsere Gemeinde diese Wahl getroffen...."

Morddrohungen gehören für die Gemeindemitglieder zum Alltag. Zu ihrem Kampf um ein menschenwürdiges Leben gehört für die Kleinbauern aber auch das Bemühen, sich zu bilden, ihr Wissen zu erhalten und zu erweitern, und ihre Werte an ihre Kinder weiterzugeben. Neben einer "Campesino Universität" gehören auch Fair Trade Projekte mit der EU zu den Erfolgen der Gemeinde. In der Region ist San José ein Vorbild an Mut und Moral. Gemeinden in der Provinz, denen Verletzungen ihrer Menschenrechte angetan werden, wenden sich an die Bauern in San José.

Obwohl der Konflikt in Kolumbien weiter Opfer fordert, bleibt das Engagement von Menschenrechtlern und Friedensgemeinden auch überregional nicht ohne Früchte. Mitglieder von Paramilitärs und Militär, die 2005 ein Massaker in San José verbrochen haben, wurden von der Justiz verurteilt. Die Staatsanwälte ermitteln in weiteren Fällen.

Meine Fraktion ist der Überzeugung, dass Kolumbien Menschen wie die Mitglieder der Friedensgemeinde braucht, um einen dauerhaften Ausweg aus Gewalt und Vertreibungen zu finden. Anerkennung aus dem Ausland ist ein wertvolles Geschenk und kann den entscheidenden Anstoß zu Veränderungen geben.

Gegenwärtig haben paramilitärische Gruppen gleich fünf Niederlassungen auf dem Gelände der Gemeinde errichtet. Der Druck auf die Mitglieder ist entsprechend hoch. Dank der Unterstützung von amnesty international werden in 2 Wochen Mitglieder der Friedensgemeinde in Brüssel sein, um sich bei den Mitgliedern des Europäischen Parlaments für Nominierung zum Sakharov-Kandidaten zu bedanken. Sie stehen dann für Ihre Fragen zur Verfügung.

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