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Europa als kulturelles Projekt

Wenn wir über Europa als kulturelles Projekt reden, müssen wir uns zwei Fragen stellen. Die erste Frage ist: Worauf zielt das kulturpolitische Engagement der Europäischen Union? Und die zweite Frage lautet: Welche Botschaft kann Europa auf der Grundlage seiner humanistischen Tradition heute anbieten, wenn es um ein Verstehen der grundsätzlichen Probleme der globalen Welt geht?

 

Zur ersten Frage: Nach dem Vertrag von Lissabon ist es ein Ziel, einen »gemeinsamen Kulturraum der europäischen Völker« zu schaffen. Das Kulturleben in den Mitgliedstaaten soll gefördert, dabei die nationale und sprachliche, kulturelle und künstlerische Vielfalt Europas gewahrt bleiben. Leider, so musste ich feststellen, sieht die Europäische Kommission in der letzten Zeit Kultur vor allem als Wirtschaftsfaktor. Wie komme ich darauf? Im September 2012 hat die Kommission eine Mitteilung veröffentlicht. Ihr Titel: »Die Kultur- und Kreativwirtschaft als Motor für Wachstum und Beschäftigung in der EU unterstützen«. Beim Lesen wird einem schnell klar: Die Kommission interessiert sich vor allem für das Wachstumspotenzial des Kultur- und Kreativwirtschaftsektors. Die Widerstandsfähigkeit der Kulturund Kreativwirtschaft in der Wirtschaftskrise ist für die Kommission der wesentliche Grund, diesen Sektor bis 2020 verstärkt zu fördern. Es geht ihr darum, die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern und das Exportpotential zu steigern. Vor allem diesen beiden Zielen dient das kulturpolitische Engagement der Europäischen Union. Leider. Kommen wir zur zweiten Frage, welche Botschaft Europa auf der Grundlage seiner humanistischen Tradition heute anbieten kann, wenn es um ein Verstehen der grundsätzlichen Probleme der globalen Welt geht. Können wir, so frage ich, unsere humanistischen Traditionen heranziehen, um aktuell europäische Antworten auf die Globalisierung zu finden?

 

Es mag verwundern, dass ich, wenn die Rede vom kulturellen Dialog ist, sofort humanistische Grundlagen für das europäische Identitätsverständnis benenne. Doch ich will an folgende Debatte erinnern: Mit der Jahrtausendwende waren die Europäische Union und Ihre Mitgliedsstaaten noch hoffnungsvoll um eine Verfassung bemüht – eine, die nach Symbolen, Hymnen und Flaggen suchte. 2003 dann, hielt die damalige CDU-Vorsitzende, Angela Merkel, eine Rede über die Zukunft Deutschlands. Darin erklärte sie, dass der – selbstredend christliche – Gottesbezug in der zukünftigen europäischen Verfassung verankert sein müsse. Sie war europaweit nicht die einzige Politikerin, die so dachte. Ja, die Bedeutung der christlichen Religion in der europäischen Kultur ist immens. Das wird niemand in Abrede stellen, egal ob Christen, Muslime, Aleviten oder Agnostiker. Doch eine Wertedebatte um Europa hat andere Dimensionen und ist mit einem Gottesbezug höchst eingeengt. Europas Geschichte und Identität beginnt 34 nicht mit Kaiser Augustus‘ Anerkennung einer Sekte als Staatsreligion. Der mythische Götterhimmel der Griechen war ebenso viele Jahrhunderte prägend. Er hat arabische und afrikanische Wurzeln verarbeitet und gibt uns auch heute manches Rätsel auf. Nachdem der Mythos als allumfassendes kulturelles Bewusstsein zerbrach, waren immer mehrere Religionen in Europa zu Hause. Aus der Krise der hellenischen Mythologie entsprang überdies nicht nur das Christentum, sondern auch die europäische Philosophie, der Ursprung im Widerspruch, im Unbestimmten oder in den Atomen. All dies hat – genau wie der christliche Glaube – die Aufklärung des 18. Jahrhunderts tief beeinflusst.

 

Doch zurück zur Vorsitzenden der CDU, zurück ins Jahr 2003: Vergessen wir nicht: Der Gottesbezug in der europäischen Verfassung war damals für Frau Merkel auch Teil der Begründung, die Türkei aus Beitrittsverhandlungen herauszuhalten. Zwei Jahre später bekam Frau Merkel eine Antwort auf diese Debatte vom Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk – mitten in ihrem eigenen Lande. In seiner Rede bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels betonte er: »In all den Romanen, die ich in meiner Jugend las, wurde Europa nicht über das Christentum definiert, sondern vielmehr über den Individualismus. Europa wurde mir auf attraktive Weise durch Romanhelden vermittelt, die um ihre Freiheit kämpfen und sich verwirklichen wollen.« (soweit Orhan Pamuk) Freiheit, Gleichheit, Solidarität, die Werte der Aufklärung sind für mich der entscheidende Bezugspunkt europäischer Identität. Sie könnten durchaus auch eine Basis für die Antworten auf globale Herausforderungen sein. Doch die Freiheit der Märkte wurde drei Jahrzehnte lang von führenden Politikerinnen und Politikern zur Lichtgestalt des politischen Wertekanons ernannt. Mit großem Eifer wurde so der Zusammenhang zwischen Freiheit, Gleichheit und Solidarität in eine seltsame Rangfolge verkehrt. Politische Freiheit und Demokratie sind ohne Gleichheit und Solidarität spürbar in Gefahr. Und ich finde, dass gilt nicht nur vor Ort – hier in Europa. Das gilt weltweit. Kultureller Dialog hat diese Erfahrung zu verarbeiten, egal mit welcher Konfession oder Weltanschauung ich in die Debatte der Gegenwart und der Zukunft komme.

 

Doch es ist zu klären, wessen Freiheit wir in Europa meinen, wenn wir Freiheit berechtigt hochhalten. Stellt man Freiheit in den Kontext europäischer Geschichte, so stößt man auf ein Element, auf dass uns der amerikanische Publizist Jeremy Rifkin gern aufmerksam macht. Er hält im schwer bestimmbaren »europäischen Traum« Kooperation und Vielfalt für die zentrale kulturelle Erfahrung unseres Kontinents. Hingegen erklärt er Wettbewerb und Assimilation für die Substanz des amerikanischen Traums. Dieser war Jahrhunderte ein Erfolgsmodell. Doch mittlerweile, so stellte Jeremy Rifkin 2007 fest, ist dieses amerikanische Identitätsverständnis den neuen globalen Herausforderungen nicht mehr gewachsen. 35 Welche Botschaft kann Europa auf der Grundlage seiner humanistischen Tradition heute anbieten, wenn es um ein Verstehen der grundsätzlichen Probleme der globalen Welt geht? Kooperation und Vielfalt, sind, so finde ich, eine gute Antwort.

 

Über Jahre hinweg zeigte sich dies in Europa, dessen Gesellschaften offener, toleranter wurden. Doch leider muss ich heute konstatieren, dass wir vor einigen Jahren, vor der sogenannten »Schulden- und Finanzkrise« schon weiter waren. Mit Bedauern, ja sogar Erschrecken höre und lese ich solche Zuweisungen wie »faule Griechen«, »korrupte und neureiche Russen«, »arme Bulgaren« usw. So wird eine neue Furcht geschürt. So wird Islamfeindlichkeit befördert. Und so müssen wir uns neu die Frage stellen, wo sich in Europa Kooperation und Vielfalt wiederfinden können? Aus meiner Sicht sind es vor allem die konkreten Projekte vor Ort. Europa ist vielsprachig. Europa ist der Kontinent der Übersetzungen. Da eröffnen gerade Dialoge zwischen den Sprachen andere Denkweisen, Ansichten und Lebensweisen. Manchmal erschließen sich diese erst nach Jahren. Oftmals bleiben diese nur denen nicht verborgen, die in mehreren Sprachen denken müssen, wollen und können. Ja, und so muss Europa ein Kontinent des interkulturellen Dialogs sein.

 

Im Jahre 2005 wurde die UNESCO-Konvention zur Kulturellen Vielfalt verabschiedet. Seitdem ist völkerrechtlich vereinbart, dass regionale Kulturen ein Recht auf Schutz und Förderung haben. Doch die Debatten um den Doppelcharakter der modernen Kulturen beschäftigen uns weiterhin. Sie sind eben immer noch einerseits Ware wie auch andererseits Träger von Werten, Orientierungen und Traditionen. Ich wünschte mir, dass sich Medien und Politik, Kultur und Wissenschaft in einer öffentlichen Debatte über Kulturwaren und Kulturwerte auf einander zu bewegen würden. Dies wäre schon ein Stück gelebte kulturelle Vielfalt. Damit wäre der Konvention im Ansatz gefolgt, denn sie offenbart einen weiten Kulturbegriff, der mehr die Lebensweise der Menschen betrifft – als sich auf Kunst einzuschränken. Diesen weiten Kulturbegriff sollten wir sehr ernst nehmen, denn dann öffnet sich ein ganzer Kosmos politischer Gestaltung des interkulturellen Dialogs. Wir müssen die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen berücksichtigen, Raum für traditionelle wie auch moderne Lebensstile lassen. Wenn wir kulturelle Vielfalt fördern wollen, müssen wir zwei Bereiche betrachten: Erstens die Rahmenbedingungen und Arbeitsbedingungen der Kulturschaffenden sowie zweitens die Bildungs- und Medienlandschaften insgesamt. Damit wird der bisherige Horizont praktizierter Kulturpolitik in den Ländern und in Europa gesprengt. Denn wir lernen schnell, dass Urheberrecht, Fernsehrichtlinien, Filmförderung, Bildung und Wissenschaft auch struktur- und wirtschaftspolitische Elemente haben.

 

Oftmals stehen handfeste Wirtschaftsinteressen großer Verlagshäuser und Medienkonzerne hinter politischen Entscheidungen. Kulturelle Äußerungen sind in marktwirtschaftliche Zusammenhänge eingebunden. Dies war durchaus auch eine historische Basis ihrer Demokratisierung und Internationalisierung, der Entstehung von massenkulturellen Erscheinungen. Dies hatte und hat negative wie positive Seiten. »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« widerspiegelt sich nicht nur in neuen massenkulturellen Kommunikationsformen, wie Film und Rockmusik. Es hat auch neuartige ästhetische und kulturelle Kompetenzen hervorgebracht. Die neuen Technologien ermöglichen Massen einen breiten Zugang, wie auch dem einzelnen den Zugang zu einem massenhaften Publikum. Doch die Möglichkeit wird nicht für jeden zur Wirklichkeit. Ich möchte zugleich Folgendes betonen: Kulturelle Äußerungen sind immer ein Moment der regionalen Identitätsfindung, des Selbstbewusstseins und der lokalen wie weltumspannenden Erzählungen. Sie sind öffentliche Güter der Völker und die Möglichkeit ihrer Aneignung ist ein Menschenrecht. Sie dürfen nicht allein nach marktwirtschaftlichen Kriterien betrachtet und behandelt werden, sondern bedürfen des Schutzes und der öffentlichen Förderung. Daraus ergibt sich zweierlei: Im internationalen Rahmen müssen wir uns erstens dafür einsetzen, dass der Doppelcharakter kultureller Güter Berücksichtigung findet. Dies zeigt sich aktuell, da das Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA verhandelt wird. Dabei geht es auch wieder einmal um die Stellung von Kultur und Medien und die Frage, ob diese eine Sonderstellung haben sollen. Nur eine knappe Mehrheit des Ausschusses Internationaler Handel im Europäischen Parlament plädierte vor kurzem dafür, Kultur und Medien nicht dem reinen Freihandel auszusetzen. Und die europäischen Wirtschaftsminister werden am 14. Juni 2013, darüber entscheiden, ob Kultur und Medien weiterhin eine Sonderstellung haben sollen.

All in all: Wir müssen in der europäischen Politik weiter darauf drängen, dass Kulturpolitik in unserem Kontinent sich den gewachsenen Anforderungen eines interkulturellen Dialogs stellt und an interkultureller Bildung orientiert. Wenn es um Frieden geht, so geht es nicht ohne den Dialog der Kulturen. Vor Ort, in der Kommune wie auf allen anderen Ebenen. Damit wird Europa zum interkulturellen Projekt.

 

Prof. Dr. Lothar Bisky, MdEP ist stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Bildung im Europäischen Parlament. Dieser Beitrag ist eine leicht gekürzte Fassung des Referats von Lothar Bisky auf dem Kulturforum der Rosa-Luxemburg-Stiftung zum Thema »Provinz versus Provinzialität. Grenzen. Grenzüberschreitung. (Inter)kulturelle Bildung« am 4. Mai 2013 in Schwedt.

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